Suchsland an Rohrbach

März 26, 2007

Das Jammern der Kapitalisten
Anmerkungen zu Günther Rohrbachs Pamphlet gegen die Filmkritik

Von Rüdiger Suchsland

Gleich mal ein paar Selbstverständlichkeiten vorweg: Natürlich gibt es schlechte Filmkritiker. So wie es auch schlechte Produzenten gibt, schlechte Regisseure und schlechte Filme. Und auch gute Kritiker haben schlechte Tage. Wie gute Produzenten.

Günther Rohrbachs Pamphlet „Das Schmollen der Autisten“, erschienen am 22. Januar im „Spiegel“, ist ein befremdliches Produkt. Stellenweise liest sich alles wie der Wutanfall eines Abgeblitzten, den die Geliebte für etwas Jüngeres, Attraktiveres verlassen hat, und der jetzt nicht etwa den neuen, verachteten Lover, sondern die Ex zum Duell fordert. Allerdings ist Rohrbachs Aufforderung gleich im mehrfachen Sinn widersprüchlich, verworren und daher nicht wirklich satisfaktionsfähig. Warum?

– Der Text ist zunächst einmal genau das, was er der Filmkritik vorwirft: Er ist ohne Wohlwollen, unkommunikativ, selbstbezogen. Rohrbach schmollt, weil die Kritiker ihm und seinen Produkten offenbar die rechte Anerkennung versagt haben.

– Er ist unredlich. Denn leider spielt Rohrbach nicht mit offenen Karten. Nirgendwo gibt er einen Hinweis auf seine Funktionen als Constantin-Aufsichtsrat und Präsident der Filmakademie. Die sind aber, wie man noch sehen wird, zentral.

– Rohrbach jammert. Der Grundton ist weinerlich, beleidigt, die Argumentation mal antiintellektuell und populistisch – und das von einem, der erst kürzlich zugunsten der Filmakademie formulierte „Eine elitäre Struktur ist die Voraussetzung für die Qualität ihrer Urteile.“ -, dann wieder besserwisserisch, von oben herab „Anmerkungen ins Stammbuch“ schreibend und grundsätzlich ressentimentgeladen. Abstrus etwa, ernsthaft von einer „Verschwörung“ zu reden. Kritiker sind einander verbunden durch das gemeinsame Metier, aber zugleich auch Konkurrenten. Wer also soll sich da mit wem verschwören? Die Filmkritik, die nicht vom Kassenerfolg eines Films profitiert, ist unbestechlich. Das macht sie unberechenbar und anstrengend unabhängig. Ist es das, was Rohrbach fürchtet?

– Schließlich ist Rohrbach feige. Er nennt keine Namen. Nicht die der kritisierten Kritiker, nicht die der Chefredakteure, die er, wie er freimütig zugibt, zum Zweck der Gängelung der Kritiker und als Teil der PR-Strategie direkt anspricht.

Trotzdem muss man Rohrbachs Text natürlich ernst nehmen, weil er gewiß – und leider – repräsentativ ist, für einen gewissen Verdruß mancher Kreise über die Filmkritik, für eine Dünnhäutigkeit und Unfähigkeit zu streiten – über Inhalte und Ästhetik – die die deutsche Filmkultur seit langem in Mitleidenschaft zieht.

Rohrbachs inhaltlicher Hauptvorwurf lautet, Kritiker hätten eine Abneigung gegen den Erfolg, und seien publikumsfern und selbstbezogen. Kurzum: Eine Bande missgelaunter, überforderter, eitler Autisten verschwört sich gegen die Publikumslieblinge zugunsten elitärer, intellektueller Nischenwerke. Stimmt denn diese Diagnose?

In den letzten Jahren wurden deutsche Filme und das Kino als Ganzes von der Kritik stärker unterstützt, denn je. Wie nie zuvor war Film in den deutschen Zeitungen präsent. Die Feuilletons richteten eigene Kinoseiten ein, oft noch zusätzliche Plätze für DVD-Besprechungen. Im Gegensatz zu Oper, Theater und Musik, über die immer erst nach der Premiere geschrieben wird, gehört heute eine umfangreiche Vorberichterstattung über Kinostarts ebenso zum Standard, wie das Flankieren einer Filmkritik mit einem, manchmal mehreren, Interviews und Hintergrundberichten – die notgedrungen selten kritisch ausfallen, und eventuelle Negativurteile der eigentlichen Besprechung zwangsläufig relativieren. Manche, wie der angesehene Enno Patalas, Nestor der deutschen Filmkritik und ehemaliger Leiter des Münchner Filmmuseums, kritisierten bereits solche „eingebettete Filmkritik“.
Obwohl es keineswegs Aufgabe von Kritikern ist, filmpolitischem oder gar nationalem Interesse zu dienen, kam dies alles deutschen Filmen besonders zugute: Das Klima ist wohlwollend und grundsätzlich interessiert. Da die Qualität deutscher Filme auch in der Breite besser wurde, war dafür auch keineswegs falsche Gnade vonnöten – wie das berüchtigte Lob „für einen deutschen Film ganz gut“. Auch kam das Wohlwollen wiederum gerade so genannten „Events“ zugute: Ob „Der Untergang“ oder „Der Schuh des Manitu“, ob „Das Leben der Anderen“ oder „Deutschland ein Sommermärchen“ – wo Grundaufmerksamkeit da war, kam sie noch doppelt und dreifach hinzu. Diese überproportional aufmerksame Begleitung durch die Filmkritik zahlte sich auch an der Kinokasse aus: 2006 war der Markanteil deutscher Filme mit ca. 25 Prozent so hoch, wie seit Jahrzehnten nicht. Wo liegt also das Problem?

Hauptbeispiel für das angebliche Versagen der Filmkritik ist die Behandlung von Tom Tykwers Constantin-Film „Das Parfum“. Hier spricht, nur zur Erinnerung, Rohrbach in eigener Sache. Doch einen internationalen, stargespickten Blockbuster bei dem ein bekannter Regisseur einen Millionenbesteller verfilmt, gegen den kleinen Arthousefilm einer nur Spezialisten bekannten Studentin auszuspielen, die mit Laien und einem Minietat gedreht hat („Sehnsucht“), weil ersterer schließlich weitaus mehr Zuschauer erhalten habe, ist nicht nur in hohem Maße unfair. Hier werden Äpfel mit Birnen verglichen: Wer weiß schon, wieviel Zuschauer „Sehnsucht“ bekommen hätte, wenn sein Start auch von der immensen Marketingmaschine der Constantin mit einem Millionenetat in „Parfum“-Höhe unterstützt worden wäre, wenn der Verleih ebenfalls hohe Media Leistung und Verleihförderung erhalten hätte und „Sehnsucht“ zum Filmstart in jedes zehnte Kino der Republik und zwar jeweils in den größten Saal gepresst worden wäre, wenn jede Tageszeitung ihre Kritik mit ganzseitigen Interviews flankiert hätte, und man in jedem deutschen TV-Sender Vorberichte und Making-Offs gesehen hätte? Und wie wäre „Das Parfum“ ohne all das gelaufen?

Alle „kleineren“ Produzenten, die Rohrbachs Argumentation hier zujubeln, sollten überlegen, wem ihre eigenen Filme mehr ähneln: Dem „Parfum“ oder „Sehnsucht“? Und ob die derzeitige einseitige Begünstigung derartiger Großproduktionen, die mit Deutschland – Tykwer hin, Eichinger her -, wenig zu tun haben, ihren Interessen und denen des deutschen Films wirklich dient.

Auch ist es etwas merkwürdig, dass ausgerechnet „Das Leben der Anderen“ als zweites Beispiel für ein Versagen der Kritiker herhalten soll, wo der Film doch zu 90 Prozent positiv besprochen wurde aber von Rohrbachs Constantin sowohl im Produktions- wie im Verleihstadium abgelehnt wurde – warum dürfen einzelne Kritiker dann nicht auch Zweifel haben?
Auch tut Rohrbach so, als seien ein paar autistische Kritiker die einzigen, die „Sehnsucht“ lobten. Immerhin wurde der Film von Dieter Kosslick – kein Kritiker, sondern ein ehemaliger Filmförderer – in den Berlinale-Wettbewerb eingeladen. „Das Leben der Anderen“ dagegen lehnte Kosslick ab – wie auch alle vier Sektionen des Filmfestivals von Cannes.
Und um gleich noch mal ein paar weitere falsche Behauptungen zu widerlegen: Auch in den USA – „dem Land, das wie kein anderes auf den Markt fixiert ist“ (Rohrbach) – erhielt „Das Parfum“ viele schlechte Kritiken, sowohl vom Branchenmagazin „Variety“, wie in der „New York Times“. Auch alles Autisten?

„Was läuft da falsch?“ fragt Rohrbach. Und man könnte nun noch lange über den Sinn von Filmkritik schreiben, darüber, ob der vielbeschworene „Dienst am Leser“ wirklich bedeutet, nur über das zu berichten, was schon längst „alle interessiert“, oder eher, auf Filme besonders aufmerksam zu machen, die im Marketing-Trubel untergehen? Und muss man, was „alle interessiert“, dann auch loben, damit die armen Zuschauer ja nicht das Gefühl haben, sich unter ihrem Niveau zu amüsieren? Darf Film noch Kunst sein, und Mühe machen? Und ist es schlimm, wenn ein Kritiker manchmal darauf beharrt, dass er mehr vom Kino versteht, als der Normalzuschauer? Oder müssen wir auf Teufel komm raus „volksverbunden“ sein? Warum genügt es nicht, dass „Die weisse Massai“ Geld verdient, warum muss sie von uns auch noch zur Kunst erklärt werden? Wenn Filmkritik so belanglos wäre, wie Rohrbach suggeriert, hätte er den Aufwand wohl kaum nötig.

Was falsch läuft, ist ziemlich klar: Denn nicht, dass es gute Filmkunst gibt, und die von der Kritik auch wertgeschätzt wird, ist das Problem, sondern dass es so schlechten Mainstream gibt, den man auch mit sehr sehr gutem Willen im Vergleich mit ausländischen Filmen kaum verteidigen kann.

Die Angriffe auf die Kritiker sollen nur ablenken von den Versäumnissen einiger Produzenten. Wo sind denn die deutschen Genrefilme? Was lernen die deutschen Filmemacher von einem TV-Erfolg wie „24“? Wo lernt das deutsche Kino vom asiatischen? Und gemeint ist jetzt nicht Ausnahmeerscheinung Wong Kar-wai, sondern die 08/15-Thriller aus Hongkong oder Japan, die um so vieles eleganter, anspruchsvoller, einfach handwerklich und ästhetisch besser gemacht sind. In „Lola rennt“ hatte Tom Tykwer 1998 genau das getan: Gelernt und Konsequenzen gezogen. Ohne Folgen. In „Das Parfum“, acht Jahre später, ist nun davon nichts mehr zu erkennen – darum wurde der Film von vielen verrissen. Weil bei Tykwer auch die Ansprüche, die Erwartungen, und, ja, die Vorfreude um so vieles höher liegt, als bei einem Durchschnittsfilm.

Aber die Constantin selbst war zu feige, den Film zur Eröffnung aufs Festival von Venedig zu schicken, obwohl man dafür sogar noch Förderpunkte bekommen hätte. Weil man wusste, dass „Das Parfum“ dort auch kritisiert werden würde. Und zwar nicht von missgelaunten deutschen Morgenmuffeln, sondern von der internationalen Presse.
Das ist die letzte Doppelmoral, die man Rohrbach und Co. vorhalten muss: Man kassiert Filmförderung aus Steuergeldern, spuckt daheim große Sprüche, aber wenn man den deutschen Film auf internationaler Plattform vertreten könnte, wird gekniffen! Da müssen dann die verachteten Berliner Independents her, und vielleicht noch mal ein Oskar Roehler.

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