Nude Women Text

März 30, 2007

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Zur Videokunstarbeit NUDE. WOMEN von RP Kahl ist soeben ein Text von Sylvia John erschienen. Der Film war erstmals im November 2006 in einer Doppelausstellung im Berliner Kunstraum Areal28 zu sehen. Mehr Infos zur Videoarbeit, wie auch Ansichtsfotos zur Installation, sind auf video-stills.de zu finden. Hier nun zum Text:


NUDE. WOMEN
Ein Text von Sylvia John

Wir betreten einen Raum, an dessen Frontseite eine überlebensgroße nackte Frau erscheint. Sie wirkt leblos auf den ersten Blick. Der Bildhintergrund verliert sich im Schwarz, der Körper leuchtet hell vor einer Andeutung eines grünfarbigen Sessels. Wir sind das Gegenüber des Bildes, das Kameraauge.

LANDSCHAFT DES KÖRPERS
Wir vergegenwärtigen uns des Sujets geläufiger Tafelgemälde, Venus, Maya von Goya, Velasquez, Beckmann, Cezanne, Modigliani, vermuten dieses Bild schon einmal gesehen zu haben. Aber diese Frau atmet, lebt, zwinkert. Wir betrachten den Körper als eine dargebotene Landschaft. Wir wandern aufwärts, um zu erfahren, was sie denkt. Alltagsgeräusche von draußen sind auf der Tonspur zu vernehmen. Vielleicht nimmt sie eine kurze Pause vom Leben, oder sie verharrt plötzlich aus einem Grund, den wir nicht kennen. Wir sind überrascht von der Dauer der Regungslosigkeit. Wir hören Autos, Vögel, eine Hand liegt auf dem Bauch. Wir denken an Haut, Körperschmuck, Nagellack, Haare, Sexualität. Wir betrachten das ruhige Gesicht, die Verletzbarkeit des weißen nackten Leibes gegen die Schwärze seiner Vergänglichkeit. Und mit der Nachdenklichkeit stellt sich Nähe ein. Einen Augenblick der Vertrautheit erleben wir im virtuellen Kontakt mit der uns fremden, sich offenbarenden Person. Der offene Körper wirft uns auf uns selbst zurück, wie eine Wunde.

INTIMITÄT
RP Kahl hat sich Zeit genommen, verschiedene Frauen in ähnlicher Pose – Maler-Modell-Situation – zu filmen. Es handelt sich um die Ikonisierung des Gewöhnlichen, als ur-intime Szenerie einer Rollenverteilung. Die Frauen sind versunken, so wie es uns alsbald auch geschieht. Es ist eine Einladung zum Schauen, zur gemeinsamen Meditation. RP Kahl enthüllt uns ein Stück Zeitgeschichte, bar Ortsangabe, Namen, gesprochener Fakten. Wir kriechen in das Körperbild und dann ist es verschwunden, eine andere Frau erscheint. Die Zumutung zur Langsamkeit, etwas aushalten zu müssen, zwingt uns ungewohnt, aber allmählich zur Ruhe.

NUDE. WOMEN
Kahl sucht den wahrhaften Moment, ein ultimatives Gesellschaftsporträt, jenseits der klassischen Filmproduktionen anhaftenden Bedingungen. Kahl vertraut auf das Erlebnis – Rhythmus/ Interaktion/ Kontemplation – zwischen Filmbild und Zuschauer, kontextuell im Raum – wie auch in seinen anderen Videoarbeiten. Referenzen sind „Moving Stills“, als Anleihen bei Warhol oder Sharon Lockhart zu finden. „Ich kann nicht malen“, sagt RP Kahl, der Filmemacher, und schreibt mit dieser Arbeit das klassische Tafelgemälde als eigenständige Gattung fort.

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