Essay zu Mädchen am Sonntag

Juni 17, 2007

Speziell und exklusiv für den DVD-Start von „Mädchen am Sonntag“ hat Rüdiger Suchsland einen Essay zum Film geschrieben, der im aufwändig gestalteten DigiPac zu finden sein wird. Hier schon der Vorabdruck:

Suche nach Schönheit

von Rüdiger Suchland

So einen Film hat man noch nicht gesehen: Ein Mädchen im Nebelland, romantisch, geheimnisvoll, eine Eisprinzessin wie aus dem 19. Jahrhundert gefallen, eine Fee im Wald, zwischen Bächen und hohem Gras, und eine junge Frau allein und nur scheinbar solide in ihrer Wohnung. Sie alle wünschte man sich zur besten Freundin, mindestens das, und das größte Problem in „Mädchen am Sonntag“ ist, dass man nicht vier beste Freundinnen haben kann.

„Mädchen am Sonntag“ – der Titel klingt verheißungsvoll, ganz zu recht, und ist doch auch eine Referenz des Filmemachers RP Kahl, die zeigt, was er will und die zugleich seine ironische Distanz zu den Dingen belegt. Denn mit dem Verweis auf „Menschen am Sonntag“, Robert Siodmaks und Billy Wilders frühen Stummfilm von 1929, mit dem genau genommen schon 30 Jahre avant la lettre die „Nouvelle Vague“ begann, erinnert Kahl auch an die vergessene deutsche Filmgeschichte jenseits von „Metropolis“, und damit an die immer noch größten Jahre des deutschen Films, denen man heute nach wie vor vergeblich nachläuft.

Natürlich geht man ins Kino, um zu fliehen. Um sich forttreiben zu lassen in eine andere Welt, weg aus der, in der man lebt. Aber man geht auch ins Kino, um Menschen zu sehen, und um der Schönheit zu begegnen, und die Ansicht, dass diese beiden Dinge etwas mit Weltflucht zu tun hätten, ist eigentlich schon der entscheidende Irrtum.

Was würde zum Beispiel Romy Schneider heute für Filme drehen? „Der Untergang“ jedenfalls nicht, oder „Das Leben der Anderen“. Die Vorstellung allein macht den Abstand deutlich, der das heutige deutsche Kino von der Zeit Romy Schneiders trennt, macht klar, dass wir sie aus unserer ganzen so genannten Filmkultur noch drastischer entsorgt haben, als schon zu Lebzeiten.

Was ist das für ein Film? Das Wichtigste: Es ist überhaupt ein Film. Keine Fernseh-Bückware, sondern Kino. Vier Schauspielerinnen, die zu den besten ihrer Generation gehören, öffnen sich dem Regisseur, und damit dem Zuschauer. Sie erzählen Dinge, die man so noch nicht gehört hat.

„Mädchen am Sonntag“ ist eine Reise zurück zu den Ursprüngen des Kinos. Zu den verpassten Chancen des deutschen Films und seiner hinreißenden Feengeschöpfe. Natürlich ist das auch eine Flucht. Aber eine Flucht in die Wahrheit. Und wer den vieren nicht gern zusieht, dem ist nicht zu helfen.

(Nachdruck nur mit Zustimmung von Independent Partners Filmverlag)

2 Responses to “Essay zu Mädchen am Sonntag”


  1. […] Kahl hat in seinem Blog vorab einen Essay von Rüdiger Suchsland für den DVD-Start von Mädchen am Sonntag […]


  2. […] verfasst. Seine zweite Großtat (von der ich in den letzten Wochen etwas mitbekommen habe) nach dem schönen Essay zur Mädchen am Sonntag-DVD. Daran werden sich nun alle folgenden Kritiker messen lassen müssen, […]


Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: