Zensur findet nicht statt

April 3, 2009

A Gun for Jennifer gibt es als öffentlich zugänglichen Film in Deutschland nicht mehr, hier eine persönliche und private Einschätzung des Vorganges:

Der Spiefilm A Gun for Jennifer von Todd Morris, USA 1996, mit der Drehbuchautorin Deborah Twiss in der Hauptrolle, ist ein Meilenstein des feministischen Kinos und spielt famos mit Versatzstücken verschiedener Genres. Aktuelle Kritiken in deutschen Medien (Süddeutsche Zeitung, Radio Eins – DVD der Woche, Die Welt, ARTE.TV, Berliner Zeitung, Schnitt, Zitty,etc.) würdigten die Neuentdeckung des Filmes im Jahr 2008 in Deutschland.

Torsten Neumann und RP Kahl haben als Associate Producer die Neufassung des Filmes hergestellt. Durch ungeklärte Rechtefragen und verloren gegangenes Material war der Film fast 10 Jahre lang weltweit praktisch unveröffentlicht geblieben, obwohl seinerzeit der Film nach der Uraufführung eine erfolgreiche Festivaltour verzeichnen konnte und so zu einem Geheimtipp wurde, der nicht von ungefähr für Filmemacher wie Abel Ferrara zum „Must see“ wurde. Die Verbindungen zu Filmen von Robert Rodriguez oder Quentin Tarantino sind offensichtlich.

Der Film wurde am 31.03.2009 im Bundesanzeiger in der Liste A der indizierten Medien veröffentlicht. Auf Anregung des LKA Bayerns entschied das 12er Gremium der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien, nach einer etwa 2minütigen Beratung, die am Tag nach dem Winnenden-Amoklauf stattfand, dass der Film indiziert werden muss. Das Gremium besteht in der Mehrzahl nicht aus Mitgliedern, die film-, medien- bzw. rechtswissenschaftlich fundierte Ausbildungen haben oder solchen Tätigkeiten nachgehen.

Die Indizierung hat zur Rechtsfolge, dass der Film nicht mehr öffentlich vorgeführt, gezeigt, angeboten oder beworben werden darf. Dies kommt einem Veröffentlichungs- und Verkaufsverbot gleich, da der Film nur auf Nachfrage „unter dem Ladentisch“ verkauft und nicht mehr im Kino oder Fernsehen gezeigt werden darf. Auch eine öffentliche Besprechung birgt die Gefahr einer Anzeige, da hier ein „Bewerbung“ vermutet werden könnte. Letzteres hat auch seit der Bekanntgabe Wirkung gezeigt, mehrere Besprechungen in großen Medien sind aus dem Internet gelöscht worden.

Die Indzierung erfolgt aus dem erst im letzten Jahr erheblich verschärften Jugendschutzgesetz. Mit dem Ministerium von Frau von der Leyen an der Spitze wurde hier ein Paragraf erweiternd eingeführt, der als „Puddinggesetz“ dem Gremium eine umfassende Bandbreite an die Hand gibt, um vermeintlich jugendgefährdende Filme zu kassieren. Hier ist vor allem der Punkt „Selbstjustiz“ als besonders gefährlich heraus gehoben.

Die Indizierung hat nichts mit einer „FSK18“ oder „Keiner Jugendfreigabe“ zu tun. Der oben genannte Film wurde auch vor der Indizierung keinen Jugendlichen zugänglich gemacht oder verkauft. Die Indizierung soll erreichen, dass Jugendliche gar nicht erst auf den Film aufmerksam werden, dass es den Film „in der Öffentlichkeit nicht gibt, dass er nicht existiert“. Dass durch eine Indizierung aber auch ein faktisches Verkaufs-, Veröffentlichungs- und Besprechungsverbot für Menschen über 18 Jahren einher geht, wird ausdrücklich durch das Gesetz und die Rechtssprechung hingenommen. Die im Gesetz verankerte Meinungs- und Kunstfreiheit, als eines der höchsten Güter einer Demokratie, müssen hinter die Belange des Jugendschutzgesetzes zurück treten. „Zensur findet nicht statt“ wird somit praktisch unwirksam. Im Falle von „A Gun for Jennifer“ wurde vor allem die Selbstjustiz (verkürzt: Missbrauchte Frauen rächen sich) bemängelt, obwohl sie ganz klar in einem – auch vom Gremium so erkannten künstlerischen Rahmen – behandelt wird. Es ist zu vermuten, dass es nicht nur um Jugendschutz bei einer solchen Entscheidung einer „Bundesprüftstelle“ geht, sondern auch um Systemerhalt im Allgemeinen. Mit der Gesetzesverschärfung wurde auch die Möglichkeit erheblich verbessert, Medien zur Indizierung vorzuschlagen. Das hat aktuell zur Folge, dass im Jahr 2009 im ersten Quartal schon so viele Indizierungsvorschläge eingegangen sind, wie sonst in den Jahren zuvor im 12-Monats-Verlauf.

Eine gavierende Entwicklung, die sich aus solchen Entscheidungen ergibt, ist folgende: Ein Abwandern von Interessierten in geschlossene Kreise, auch in nicht öffentliche Foren im Internet, zu denen die Allgemeinheit und die Gesellschaft keinen Zutritt mehr hat. Eine Auseinandersetzung mit vorhandenen gesetzten Themen innerhalb einer Gesamtgesellschaft findet nicht mehr statt, sondern wird an den Rand verdrängt. Später wird zwar an anderer Stelle wieder erklärt, dass man die jungen Menschen „nicht mehr verstehen würde“ und oft „keinen Zugang mehr hätte“, wenn Taten wie in Winnenden stattfinden, jedoch führt dies zu keiner Einsicht, sondern nur zu noch verschärfteren Gesetzen. Natürlich bringt eine solche Entscheidung auch mit sich, dass durch den erheblichen finanziellen Schaden, die eine Indizierung für den Produzenten bedeutet, eine Schere im Kopf für die Zukunft nicht auszuschließen ist: Filme mit dem Thema Selbstjustiz sind faktisch ab jetzt tabu.

Eine starke Demokratie braucht die wirkliche Freiheit der Meinung und der Kunst, die nicht durch den Deckmantel von immer strengeren Jugendschutzgesetzen und Gesetzen für die Innere Sicherheit und von Maßnahmen zum Schutz vor dem internationalen Terror durchlöchert werden.

Am Schluss noch ein Hinweis in eigener Sache an die Staatsanwaltschaft und Polizei. Dieser Eintrag im Blog ist eine persönliche und private Meinungsäußerung. Ein Hinweis zu einem eventuellen Datenträger des genannten Filmes findet sich hier nicht, auch kein Hinweis zu eventuellen Anbietern.

Noch zur Überschrift. Schon der letzte Hinweis zeigt: „Zensur findet nicht statt“ stimmt leider nicht mehr… Die Indizierungsentscheidung ist dabei natürlich nur ein kleiner Moasikstein.

RP Kahl

6 Responses to “Zensur findet nicht statt”

  1. dirk Says:

    hey rp, böse sache, was’n scheiss — was kann man machen…? hope all else is well! lg, d.

  2. andreas Says:

    habs´s über die filmwissenschaft in mainz mitbekommen. mehr als traurig solch eine entscheidung. gut gemeint ist nicht immer gut gemacht, in 2 minuten mit sicherheit sowieso nicht. da dreht sich wieder die alte „leyer“-orgel der zensur. halt die ohren steif, grüße, andreas

  3. Tom T. Says:

    Die Indizierung finde ich natürlich alles andere als gut, aber was hat das – bitteschön – mit Zensur zu tun?

    Dir ist schon die Beeutung dieses Wortes bekannt?

  4. Theo Says:

    @ Tom T.
    Natürlich ist die Indizierung eine Zensur, da eine kommerzielle Auswertung des Titels hierdurch de facto unmöglich gemacht wurde. Selbst für größere Titel lohnt sich dann der Vertrieb, der praktisch nur noch über Erwachsenenvideotheken erfolgen kann, kaum noch, und allenfalls als Nebenprodukt zu ggf. stark gekürzten Kaufhausfassungen. Im Kino ist eine Auswertung des Films gar nicht mehr möglich: Theoretisch darf der Film zwar gezeigt werden, aber es darf keinerlei Werbung z.B. durch Aushänge im Kino oder Zeitungsanzeigen für den Film gemacht werden. Wenn Du meinst, es sei keine Zensur, wenn ein Film theoretisch gezeigt und vertrieben werden kann, aber das nur Leute mitkriegen, die gezielt und einfach mal auf gut Glück an der Kino- oder Kaufhauskasse fragen, „Leute, zeigt ihr/verkauft ihr rein zufällig A Gun for Jennifer“, ist das weltfremd. Frag Dich doch mal selbst, ob Du schon mal einfach so auf gut Glück in Kinos oder Kaufhäuser gehst und mal nach z.B. den ebenfalls indizierten „120 Tagen von Sodom“ gefragt hast. Das macht kein Mensch, und damit ist ein Film praktisch nicht verwertbar. Wenn Du schreibst, eine solche Praxis sein keine Zensur, wiederholst Du damit zwar schön brav die Argumentation des Gesetzgebers, mit der Realität hat das aber nichts zu tun.

    Dass darüber hinaus zahlreiche andere Filme, die im Ausland als Kunst angesehen werden (wie z.B. die Erstverfilmung „Dawn of the Dead“, die ich mal auf einem Festival in Italien zwischen lauter Schlipsträgern und mit anschließender Diskussion über die wichtige gesellschaftskritische Bedeutung des Films sehen durfte), in Deutschland ganz verboten sind, ist natürlich auch klar. Das aber ist nach Argumentation des Gesetzgebers auch keine Zensur, weil es in Deutschland ja keine Zensur gibt.

    @ rp
    Die Zensur- bzw. Indizierungeproblematik besteht nicht erst seit letztem Jahr, und so dolle war die Gesetzesverschärfung nicht: Filme mit Selbstjustiz wurden vorher schon häufig indiziert, wie die Spezis von der Bundesprüfstelle gerade in den 1980ern alles indiziert haben, was nicht bei drei auf den Bäumen war. Die älteren Semester werden sich vielleicht noch an die Indizierung des Ansteckbuttons „Fuck the Teachers“ sowie diverser Kaugummibilder erinnern. Nur ist die Bundesprüfstelle natürlich so feige, dass sie die eigenen Indizierungskriterien eben nicht konsequent, sondern recht willkürlich anwendet. Ansonsten müssten wegen der Selbstjustizproblematik ja auch z.B. der Edga-Wallace-Film „Der Hexer“ oder ein Großteil der James-Bond-Filme indiziert werden. Das Grund, weshalb die deutsche Zensur so gut funktioniert, ist auch, dass das Otto Normalverbraucher, der immer nur schön seine Hollywoodfilmchen schaut, nicht mitkriegt, und auch die meisten anderen erst, wenn sie selbst mal betroffen sind. Alle anderen werden damit belabert, dass es ja eine Zensur nicht gäbe, sondern nur eine Vertriebsbeschränkung, auch wenn diese soweit geht, dass sie den kommerziellen Vertieb unmöglich macht, sowie ein Verbot nur so schlimmer Filme, die ja eigentlich sowieso kein normaler Mensch sehen will.

  5. hauke schlichting Says:

    hey,

    grad erst dazu gekommen, das zu lesen. mag mich den anderen comments anschließen: kann man etwas tun? oder muss man mit solchen sauereien leben? wünsche dir jedenfalls nur das beste, sowieso und erst recht in diesem konkreten fall.

    allerbeste grüße, hauke.


  6. […] Die komplette Stellungnahme von RP Kahl […]


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