Tourtagebuch Moscow International Film Festival – Tag 2

Juni 19, 2010


Die Beschreibung des Tages setzt nach dem Video ein. Die internationale Premiere von „Bedways“ als Eröffnungsfilm der Wettbewerbes „Perspectives“ beim „Moscow International Film Festival“. Die Jury unter Leitung von John Irvin sitzt im Saal. Einen Tag davor gab es die sehr gut besuchte Pressevorführung mit interessierten und gemäßigten Fragen danach von den vielen interessierten Journalisten bei der Pressekonferenz. Auch das TV-Interview für das russische „ARTE“-Programm ist sehr höflich. Die Journalistin für die russische Sektion der „Deutschen Welle“ fragt mich im Interview, ob ich glaube, dass das Festival den Film auch eine wenig wegen seines „Skandal“-Potentiales auf den prominenten Programmplatz gleich am Beginn des Festivals gesetzt hätte, da wir auch immer zusammen mit dem Film der Galaeröffnung von Claude Lelouch in den Veröffentlichungen genannt werden. Ich verneine das. Es kommt anders.
Bei der Sektion „Perspectives“ ist es üblich, dass der renommierte Moskauer Filmclub „Cinefantom“ die Filmgespräche im Anschluss führt. Dies soll nicht nur dazu dienen, dem Filmteam Fragen stellen zu können, sondern soll die Gespräche über Film zwischen Filmemacher und Publikum auf gleicher Augenhöhe möglich zu machen und das Gespräch der Kinozuschauer untereinander zu fördern. Die Vorstellung ist ausverkauft. Sehr viele junge Moskauer sind im Saal. Einige der Zeitungen schrieben eigenartige Beschreibungen zum Film als Ankündigung, wo die Worte Sex und Begehren durch Musical und Romanze ersetzt waren. Die Stimmung vor dem Film ist sehr aufgeregt und in freudiger Erwartung. Der Saal ist perfekt. Groß aber auch intim, eine Arena mit guter Projektion. Es gehen im ersten Teil des Filmes viel weniger Zuschauer, als sonst üblich bei dem Film. Erst nach etwa 60 Minuten, beim Beginn der Masturbationsszene gehen mehrere Zuschauer sehr auffällig aus dem Saal. Am Einlass werden Türen geschlagen und der junge Mann vom Festival am Eingang wird lautstark und Arme schwingend einige Minuten lang beschimpft. Kurzer aber intensiver Beifall am Ende. In Moskau ist es üblich, dass sofort beim Abspann das Licht angeht und die Leute aufspringen. Das hatten wir glücklicherweise schon in anderen Vorstellungen so erlebt und durch das Festival erfahren, dass dies hier so Usus sei. Viele kommen schon im Abspann auf uns zu und gratulieren und danken uns.
Dann trifft man sich mit den am Gespräch Interessierten nach dem Abspann. Viele fragende gespannte Gesichter, sofort melden sich mehrere mit der Bitte, etwas zum Film sagen zu dürfen. Eine junge Frau, sehr emotional, ruft ins Mikrofon, dass sie den Film hassen würde, es nicht zum Ende ausgehalten hätte, warum das Festival „so einen“ Film einladen würde. Laute Widersprüche aus dem Publikum, „sie hätte im Film bleiben müssen, vielleicht dann besser verstehen können, worum es geht“. Der Leiter von Cinefantom sagt, genau deshalb wäre der Film ausgewählt worden, weil er Emotionen frei setzt. Es kommt zu lautstarken Wortgefechten zwischen den Zuschauern, zwischen dem Moderator und den Besuchern. Unser Übersetzer kommt fast nicht nach, für uns zu dolmetschen. Die Zuschauer fordern, dass ich und Miriam endlich zu Wort kommen dürfen. Wir machen das gern. Ich kann die ersten Lacher verbuchen und die Stimmung entspannt sich. Aber die Diskussion bleibt hitzig und emotional bei den Besuchern.
Die einen finden den Film abgrundtief schlecht und versuchen dies auch konkret auszudrücken. Sofort widersprechen dem andere Besucher mit Gegendarstellungen. Die Diskussion ist lang und ausführlich. Die Themen sind „Ist die Liebe wirklich tot?“, „Was ist der Sex, was ist die Suche, welches Bild wird von Berlin gezeigt?“, „Welche Referenzen bietet der Film, wer sind die filmischen Vorbilder?“, „Ob es nicht besser wäre, wie in den 20er/ 30er Jahren, als die Frauen ohne jegliche nackte Haut verführten im Kino.“ Am Ende der Diskussion sind wir fast beschämt von den tollen Beschreibungen, den herzlichen Lobeshymnen: „Berlin ist nun für mich auch der Ort der Philosophen“, „Ab heute liebe ich deutsche Filme und auch die deutsche Sprache!“, „Früher kannte ich nur einen deutschen Satz, den ich sagen wollte, nämlich ‚Hände hoch!’. Ab heute sage ich einen weiteren Satz: ‚Das ist fantastisch’!“
Wir sind überwältigt von den unterschiedlichen Reaktionen und führen im Foyer die Diskussionen weiter. Einige wollen uns erklären, warum vielleicht viele andere Zuschauer mit falschen Vorstellungen im Kino gewesen wären und das dem Russen die Romantik so wichtig wäre, was der Film ja absichtlich nicht bieten würde, was aber dann zu den so emotionalen Gegenreaktionen führen würde. Ein junger Mann bittet uns, dass er uns zum Hotel fahren dürfe. Miriam und ich sind glücklich über den Abend, der so überraschend für uns ablief. Das Festival hat also doch seinen Publikums-„Skandal“ bekommen, es war die aufregendste Vorstellung, die es bisher für den Film gab. Morgen dann mehr zum gesamten Festival, von unseren Eindrücken zur Stadt, den Menschen hier in Moskau.

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